Ein Pferd striegeln, einen Hund versorgen, gemeinsam im Stall arbeiten: Was nach Alltag klingt, ist beim Institut für tiergestützte Pädagogik in Birkenfeld Teil eines besonderen Jugendhilfekonzepts. Tiere können gerade bei Kindern und Jugendlichen den Kontakt erleichtern, Vertrauen wachsen lassen und einen Zugang ermöglichen, wenn Gespräche zunächst schwerfallen. Außerdem schafft die Arbeit mit Tieren Struktur. Denn ihre Versorgung folgt festen Abläufen: Ein Tier muss gefüttert, gepflegt und versorgt werden – unabhängig davon, ob man gerade Lust darauf hat oder nicht. Bei einem Besuch informierte sich die heimische Bundestagsabgeordnete Julia Klöckner gemeinsam mit dem Birkenfelder Verbandsgemeindebürgermeister Matthias König über die Arbeit des Instituts und insbesondere über die Begleitung junger Menschen in Gastfamilien.
Im Gespräch mit ITP-Geschäftsführerin Rosanna Coco, der pädagogischen Leiterin Katharina Beck und der Diplom-Sozialpädagogin und Mitgesellschafterin Sabrina Pflaum ging es darum, wie diese Form der Jugendhilfe funktioniert, welche jungen Menschen aufgenommen werden und was Gastfamilien leisten.
Bewusst spricht das ITP von Gast- und nicht von Pflegefamilien. „Wir verstehen Gastfamilien nicht als Konkurrenz zu Pflegefamilien. Es ist ein anderes Angebot mit einem anderen Ansatz“, erläuterte Rosanna Coco. Ziel sei es, jungen Menschen für eine begrenzte Zeit einen verlässlichen und strukturierten Lebensort zu bieten. „Die Herkunftsfamilie soll nicht ersetzt werden. Wir schauen gemeinsam mit dem jungen Menschen, den Sorgeberechtigten und dem Jugendamt, welche Gastfamilie passen kann und was in der jeweiligen Situation gebraucht wird“, so die Geschäftsführerin.
Die Gründe, warum Kinder und Jugendliche einen solchen neuen Lebensort benötigen, sind sehr unterschiedlich. Manche haben bereits in Jugendhilfeeinrichtungen gelebt, andere ambulante oder stationäre Hilfen der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfahren. Familiäre Konflikte, schwierige Lebenssituationen oder ein besonders individueller Unterstützungsbedarf können ebenfalls eine Rolle spielen. Einen typischen Fall gebe es nicht. Entscheidend sei vielmehr, für jeden jungen Menschen eine passende Lösung zu finden.
Im Austausch wurde auch darüber gesprochen, dass Fachkräfte zunehmend erleben, wie sehr Kindern verlässliche Strukturen und klare Abläufe fehlen können. Das beginne teilweise schon im Kita-Alter. Offene pädagogische Konzepte böten Kindern viele Freiräume, könnten aber dort an Grenzen stoßen, wo einzelne Kinder stärker auf Orientierung, feste Abläufe und einen klaren Rahmen angewiesen seien. Die Folgen zeigten sich mitunter beim Übergang in die Grundschule: Manche Kinder hätten Schwierigkeiten, über längere Zeit ruhig zu sitzen, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren oder grundlegende feinmotorische Tätigkeiten wie den Umgang mit einer Schere sicher auszuführen. Umso wichtiger sei es, genau hinzuschauen, was das einzelne Kind brauche, und Struktur nicht als Einschränkung, sondern als mögliche Form von Sicherheit und Orientierung zu verstehen.
„Hinter jedem dieser jungen Menschen steht eine eigene Geschichte. Deshalb kann es auch nicht die eine Antwort geben, die für alle funktioniert“, so Julia Klöckner. „Mich überzeugt der individuelle Ansatz: Es geht nicht darum, die eigene Familie zu ersetzen, sondern jungen Menschen Stabilität, einen strukturierten Alltag und eine neue Perspektive zu geben.“
„Eine Gastfamilie wird mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen“, betonte die pädagogische Leiterin Katharina Beck. Eine engmaschige Begleitung sei wichtig. Es gehe nicht nur darum, einen Platz zum Wohnen zu vermitteln, sondern den gesamten Prozess fachlich zu begleiten und immer wieder gemeinsam zu prüfen, was der junge Mensch für seine weitere Entwicklung brauche.
In vielen Gastfamilien gehören Tiere zum Alltag. Auch beim ITP selbst ist die tiergestützte Arbeit ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Tiere können insbesondere beim ersten Kennenlernen helfen, eine zunächst angespannte Situation aufzulockern. Gemeinsame Tätigkeiten schaffen einen anderen Zugang zueinander. Gleichzeitig lernen die jungen Menschen im Umgang mit den Tieren Verantwortung und erleben feste Abläufe.
„Gerade bei jungen Menschen, die schon viele Gespräche mit Erwachsenen, Behörden oder Einrichtungen hinter sich haben, kann ein anderer Zugang sehr wertvoll sein“, erklärte Sabrina Pflaum. Nicht immer müsse Kommunikation zunächst am Tisch stattfinden.
In der Regel bleiben die Kinder und Jugendlichen etwa zwei bis drei Jahre in einer Gastfamilie. Was danach folgt, hängt von der individuellen Entwicklung ab: Für manche ist die Rückkehr in die Herkunftsfamilie möglich, andere machen den Schritt in ein selbstständiges Leben. Auch bei diesem Übergang, beispielsweise in die erste eigene Wohnung, werden die jungen Menschen begleitet.
Aktuell arbeitet das ITP mit mehr als 40 Gastfamilien in unterschiedlichen Familienkonstellationen zusammen. Der Bedarf nehme zu.
„Wer einen jungen Menschen bei sich aufnimmt, öffnet seinen eigenen Alltag“, so Julia Klöckner. „Genauso wichtig ist, dass diese Familien fachlich eng begleitet werden. Jugendhilfe muss dort ansetzen, wo der einzelne junge Mensch steht. Hier wird sehr konkret daran gearbeitet, wieder Stabilität zu schaffen und den nächsten Schritt möglich zu machen.“
